Zum Inhalt springen

Bewältigungsstrategien

Viele Angehörige fragen sich, was sie selber tun können, um den Betroffenen zu helfen. Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort, es ist immer ein Abwägen. Häufig bewegen sich die verschiedenen Versuche zu helfen, zwischen Aufgeben, Aufopfern, Unterstützen, Kontrollieren, Verweigern, Konfrontieren, Vermeiden und Abgrenzen. Dabei ist es für Angehörige immer ein Dilemma, zu entscheiden, was in welcher Situation das „Richtige“ ist. Diese Entscheidung können Außenstehende nicht abnehmen.

Wichtig ist: Jede Reaktion hat unterschiedliche mögliche Auswirkungen mit verschiedenen kurz-, mittel- und langfristigen Konsequenzen. Eine bestimmte Reaktion kann für bestimmte Menschen in einer Situation „richtig“ und für andere Menschen in der gleichen Situation „falsch“ sein. Genauso kann auch eine Reaktion für jemanden in einer Situation „richtig“ und in einer anderen Situation „falsch“ sein.

Stress und Stressbewältigung

In unserem Leben begegnen uns an vielen Stellen stressreiche Situationen. Die Bewertung, ob eine Situation stressreich ist oder nicht, hängt immer auch von vorangegangenen Lebenserfahrungen ab. Stressreiche Situationen führen dazu, dass sich die ganze Wahrnehmung, also alles Denken und Überlegen auf die Situation einengt. Dadurch wird es zunehmend schwieriger, noch andere Anteile der Gesamtsituation einzubeziehen. Verschiedene Strategien können dabei helfen, besser mit Stress umzugehen. Dazu gehören Entspannungstechniken und die Veränderungen von bestimmten Gedanken wie „Sei perfekt!“, „Sei stark!“, „Mach es allen recht!“, „Streng dich an!“ oder „Beeil dich!“. Eine andere Möglichkeit ist die Suche nach Lösungsmöglichkeiten für Probleme, z.B. durch das Einholen von Informationen oder den Austausch mit anderen Personen.

Die Erfahrungen, die Familienmitglieder und der Freundeskreis von Menschen mit einem problematischen Glücksspielverhalten machen, sind häufig sehr ähnlich. In einem Modell lassen sich die Wechselwirkungen von Belastung, Beanspruchung und Bewältigung gut darstellen:

 

Auch die genutzten Bewältigungsstrategien sind in vielen Fällen ähnlich und lassen sich in drei Kategorien zusammenfassen:

  1. Involvierte Bewältigungsstrategien
    Diese Strategien zielen darauf ab, das Glücksspielverhalten der Betroffenen zu verändern. Sie erfordern viel eigene Anstrengung und können dazu führen, dass man die Betroffenen zu stark kontrolliert. Diese Strategien können sehr stark emotional sein oder sehr bestimmt. Beispiele für „emotional“ sind etwa Auseinandersetzungen, stark launisches oder gefühlsbetontes Verhalten, aber auch ständiges Beobachten oder Kontrolle. Beispiele für „bestimmt“ sind offene Gespräche über die Problematik, Aussprechen gegenseitiger Erwartungen oder klares Setzen von Grenzen.
      
  2. Tolerant-akzeptierende Bewältigungsstrategien
    Diese Strategien zielen darauf ab, Streit zu vermeiden und äußern sich in einer toleranten und akzeptierenden Haltung dem Glücksspielen gegenüber. Häufig sind diese Strategien aber von einem Gefühl der Hilflosigkeit oder Hoffnungslosigkeit begleitet. Beispiele hierfür sind: Betroffenen Geld zu geben oder Schulden zu übernehmen, für die Betroffenen zu lügen, um das Spielverhalten zu decken oder Tätigkeiten zu übernehmen, die die Betroffenen eigentlich selber erledigen sollten, etwa deren Post zu erledigen oder alle Aufgaben im Haushalt zu übernehmen.
      
  3. Zurückziehend-eigenverantwortliche Bewältigungsstrategien
    Diese Strategien zielen darauf ab, sich wieder auf sich selber zu konzentrieren. Eine mögliche Folge ist, dass die Beziehung auseinandergeht oder abgebrochen wird. Beispiel für diese Strategien sind, eigene Interessen und Hobbies zu verfolgen, Freundinnen oder Freunde zu treffen und sich selbst etwas Gutes zu tun.
      

Grundsätzlich gilt:

Es gibt nicht die eine richtige Strategie!
Die gewählte Strategie muss immer zur Situation und den beteiligten Personen passen!

„Co-Abhängigkeit“?

Seit den 1950er-Jahren gibt es den Begriff der sogenannten „Co-Abhängigkeit“. Ursprünglich wurde dieser Begriff von Familienmitgliedern geprägt, die sich in einer Gruppe ähnlich den Anonymen Alkoholikern zusammengeschlossen hatten, und mit diesem Begriff auf die massiven negativen Auswirkungen der Suchterkrankung auf die ganze Familie hinweisen wollten. Ziel war also eine Problembeschreibung.

Leider wird der Begriff heute sehr zwiespältig verwendet und häufig ähnlich einer Diagnose genutzt. In einigen Fällen wird er sogar als lebenslange Eigenschaft „verhängt“. Unter Verwendung von „Co-Abhängigkeit“ wird Familienmitgliedern eine (Mit-)Schuld an der Erkrankung zugeschrieben. Allerdings gibt es keine einheitliche Definition von „Co-Abhängigkeit“ und keine wissenschaftlichen Belege dafür.

Wie weiter oben beschrieben, gibt es jedoch immer wieder ähnliche Strategien, mit denen Familienmitglieder versuchen, mit der Erkrankung umzugehen. Nicht alle sind langfristig gleichermaßen sinnvoll, dies hängt immer auch von den Beteiligten und der jeweiligen Situation ab.

Wir fassen die unterschiedlichen Verhaltensweisen, die von Familienmitgliedern und dem Freundeskreis gezeigt werden, als Versuche auf, mit der außergewöhnlichen Situation umzugehen.